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Rettet die Landwirtschaft: Macht sie grün

einstige napoleonische Fernstraße von Kassel (Hauptstadt des Königreichs Westfalen) nach Paris in Bielefeld/ former road from Kassel to Paris during napoleonic times in Bielefeld, 1.5.2020, Foto: Robert B. Fishman
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von Robert B. Fishman

Die Landwirtschaft soll nachhaltiger werden, umwelt- und klimafreundlicher. Am Geld scheitert es nicht, eher am Einfluss von Lobbyisten und der planlosen Politik.

Ende Mai sind die Verhandlungen über die gemeinsame Europäische Agrarpolitik (GAP) wieder gescheitert. Jedes Jahr bezuschusst die Europäische Union (EU) die Landwirtschaft mit rund 60 Milliarden Euro. Davon fließen rund 6,3 Milliarden jährlich nach Deutschland. Jede*r EU-Bürger*in zahlt dafür rund 114 Euro im Jahr. Zwischen 70 und 80 Prozent der Zuschüsse gehen direkt an die Landwirte. Bezahlt wird nach Fläche, die der Betrieb bewirtschaftet. Was die Bauern auf dem Land machen, spielt keine Rolle. Gestritten wird nun vor allem über die sogenannten „Eco-Schemes“. Das sind die Zuschüsse, die Landwirte zusätzlich für Maßnahmen zum Klima- und Umweltschutz erhalten sollen. Das Europäische Parlament wollte dafür mindestens 30 % der EU-Agrarsubventionen reservieren. Die Mehrheit der Landwirtschaftsminister ist dagegen. Dabei brauchen wir eine klimafreundlichere Landwirtschaft. Mindestens ein Fünftel bis ein Viertel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen gehen auf das Konto der Agrarbetriebe.

Externalisierte Kosten

Lebensmittel sind in Deutschland nur scheinbar billig. Die Preise an der Supermarktkasse verschweigen einen Großteil der Kosten für unsere Ernährung. Die zahlen wir alle mit unseren Steuern, den Wasser- und Müllgebühren und auf vielen weiteren Rechnungen. Eine Ursache ist die konventionelle Landwirtschaft. Diese überdüngt Böden mit Mineraldünger und Gülle, deren Rückstände in vielen Regionen Flüsse, Seen und das Grundwasser belasten. Die Wasserwerke müssen immer tiefer bohren, um an einigermaßen sauberes Trinkwasser zu kommen. Hinzu kommen die Rückstände von Ackergiften im Essen, der Energieaufwand für die Herstellung von Kunstdünger, die Antibiotika-Rückstände aus der Tiermast, die ins Grundwasser sickern und viele andere Faktoren, die Mensch und Umwelt schädigen. Allein die hohe Nitratbelastung des Grundwassers verursacht in Deutschland jährlich Schäden von etwa zehn Milliarden Euro.

Die wahren Kosten der Landwirtschaft

Die ökologischen Folgekosten der weltweiten Landwirtschaft summiert die UN-Welt-Ernährungsorganisation FAO auf weltweit etwa 2,1 Billionen US-Dollar. Hinzu kommen soziale Folgekosten von rund 2,7 Billionen US-Dollar, zum Beispiel für die Behandlung von Menschen, die sich mit Pestiziden vergiftet haben. Britische Wissenschaftler haben in ihrer „True Cost“-Studie errechnet: Für jeden Euro, den die Menschen im Supermarkt für Lebensmittel ausgeben, entstünden versteckte, externe Kosten von einem weiteren Euro.

Noch teurer kommt uns der Verlust an biologischer Vielfalt und das Insektensterben.  Allein in Europa bestäuben die Bienen Pflanzen im Wert von 65 Milliarden Euro.

„Bio“ ist in Wahrheit nicht teurer als „konventionell“

„Die Studie des Sustainable Food Trust und Berechnungen weiterer Institutionen zeigen, dass die meisten Bio-Lebensmittel günstiger sind als konventionell erzeugte, wenn man ihre wahren Kosten betrachtet“, schreibt zum Beispiel das Bundeszentrum für BZfE auf seiner Internetseite.

Die Interessenvertreter der Agrar- und Lebensmittelindustrie machen dagegen geltend, dass man mit den Erträgen der Bio-Landwirtschaft die Welt nicht satt bekomme. Das stimmt so nicht. Auf rund 70 Prozent der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen wächst heute Tierfutter oder es grasen dort Rinder, Schafe oder Schweine. Würden man auf den dafür geeigneten Äckern stattdessen pflanzliche Lebensmittel anbauen und würde die Menschheit weniger Lebensmittel wegwerfen (heute etwa 1/3 der weltweiten Produktion) könnten Bio-Bauern die Menschheit ernähren.

Das Problem: Bisher bezahlt den Landwirten niemand den Mehrwert, den sie für Artenvielfalt, Naturkreisläufe und für ihre jeweilige Region erbringen. Es ist schon schwierig, diesen in Euro und Cent zu berechnen. Kaum jemand kann genau sagen, wie viel Geld sauberes Wasser, gute Luft und gesunde Nahrungsmittel wert sind. Die Regionalwert AG in Freiburg hat mit der „landwirtschaftlichen Leistungsrechnung“ im vergangenen Herbst ein Verfahren dafür vorgestellt. Auf der Internetseite  können Bäuerinnen und Bauern ihre Betriebsdaten eingeben. Erfasst werden 130 Leistungskennzahlen aus sieben Kategorien. Im Ergebnis erfahren die Landwirte, wie viel Mehrwert sie schaffen, in dem sie etwa junge Leute ausbilden, Blühstreifen für Insekten anlegen oder durch schonende Wirtschaftsweise die Bodenfruchtbarkeit erhalten.

Andere Wege geht die Bioboden-Genossenschaft

Sie kauft von den Einlagen ihrer Mitglieder Land und Höfe, die sie an Bio-Bauern verpachtet. Das Problem: In vielen Regionen ist Ackerland inzwischen so teuer, dass es sich kleinere Betriebe und Berufseinsteiger kaum noch leisten können. Rentabel ist vor allem die konventionelle Landwirtschaft nur noch für Großbetriebe. 1950 gab es in Deutschland 1,6 Millionen Bauernhöfe. 2018 waren noch etwa 267.000. Allein in den letzten zehn Jahren hat jeder dritte Milchbauer aufgegeben.

Falsche Anreize

Viele Bäuerinnen und Bauern würden ihr Land nachhaltiger, umwelt- und klimaverträglicher bewirtschaften, wenn sie damit Geld verdienen könnten. Den weitaus größten Teil der Ernte kaufen jedoch nur wenige Verarbeiter die ihre Produkte mangels Alternativen nur an die großen Lebensmittelketten liefern können: Edeka, Aldi, Lidl und Rewe sind die größten. Ihren Wettbewerb fechten diese über Kampfpreise aus. Den Preisdruck geben die Handelsketten an ihre Lieferanten weiter und die an die Landwirte. Im April zahlten zum Beispiel die großen Molkereien in Westfalen den Bauern nur 29,7 Cent pro Liter. „Dafür können wir nicht produzieren“, sagt Landwirt Dennis Strothlüke in Bielefeld. Deshalb hat er sich der Direktvermarktungsgenossenschaft Wochenmarkt24 angeschlossen. Online kaufen die Verbraucherinnen und Verbraucher in immer mehr deutschen Regionen direkt beim Bauern. Ein Logistikunternehmen liefert den Kundinnen und Kunden in der darauffolgenden Nacht die Ware vor die Haustür. Ähnlich funktionieren die Marktschwärmer . Auch hier bestellen die Verbraucher online direkt bei Landwirten in ihrer Region. Diese liefern dann zu einem festen Termin an einen Übergabepunkt, wo sich die Kunden ihre Waren abholen. Vorteil für die Bauern: Sie bekommen deutlich höhere Preise, ohne dass die Verbraucher dafür mehr bezahlen als im Handel. Weil die Landwirte nur das produzieren und liefern, was vorher bestellt wurde, wird weniger weggeworfen.

Den entscheidenden Beitrag zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft kann nur die Politik leisten: Sie muss ihre Subventionen aus Steuergeldern auf umwelt- und naturverträgliche Wirtschaftsweisen beschränken. Wie jedes Unternehmen produzieren landwirtschaftliche Betriebe das, was ihnen den höchsten Gewinn verspricht.

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Geschrieben von Robert B. Fishman

freier Autor, Journalist, Reporter (Radio und Printmedien), Fotograf, Workshop-Trainer, Moderator und Reiseleiter

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