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Sicherungskopie fürs Überleben

Petersilie wächst auf einem Feld im Münsterland, Foto: Robert B. Fishman, 9.8.2016
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von Robert B. Fishman

Saatgutbanken speichern genetische Vielfalt für die Ernährung der Menschheit

Weltweit sichern rund 1.700 Gen- und Saatgutbanken Pflanzen und Saatgut für die Ernährung der Menschheit. Als Backup dient ihnen der „Saatguttresor“ Svalbard Seed Vault auf Spitzbergen. Dort lagern bei minus 18 Grad Samen von 5.000 verschiedenen Pflanzenarten, darunter mehr als 170.000 Muster von Reis-Sorten. 

2008 ließ die norwegische Regierung eine Kiste mit Reiskörnern von den Philippinen in den Stollen eines ehemaligen Bergwerks auf Spitzbergen einlagern. Damit begann der Aufbau einer Reserve für die Ernährung der Menschheit. Seit die Klimakrise die Bedingungen für die Landwirtschaft immer schneller verändert und die Biodiversität rasant schwindet, wird der Schatz genetischer Vielfalt im Svalbard Seed Vault für die Menschheit immer wichtiger. 

Backup der Landwirtschaft

„Wir nutzen nur einen sehr kleinen Teil der essbaren Pflanzensorten für unsere Ernährung“, sagt Luis Salazar, Sprecher des Crop Trust in Bonn. Vor 120 Jahren bauten zum Beispiel die Landwirte in den USA noch 578 verschiedene Sorten Bohnen an. Heute sind es nur noch 32. 

Die biologische Vielfalt schwindet

Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft verschwinden weltweit immer mehr Sorten von den Äckern und vom Markt. Die Folge: Unsere Ernährung hängt von immer weniger Pflanzensorten ab und wird dadurch störanfälliger: Monokulturen laugen die von schweren Maschinen verdichteten Böden aus und Schädlinge, die sich von einzelnen Nutzpflanzen ernähren, verbreiten sich schneller. Die Bauern bringen mehr Ackergifte und Dünger aus. Rückstände der Mittel belasten Böden und Wasser. Die Artenvielfalt geht weiter zurück. Das Insektensterben ist nur eine Folge von vielen. Ein Teufelskreis.

Wildsorten sichern das Überleben der Nutzpflanzen

Um Sorten und Nutzpflanzenarten zu erhalten und neue zu finden, koordiniert der Crop Trust das „Crop Wild Relative Project“ – ein Zucht- und Forschungsprogramm zur Ernährungssicherheit. Züchter*innen und Wissenschaftler*innen kreuzen Wildsorten mit gängigen Nutzpflanzen, um widerstandsfähige neue Sorten zu entwickeln, die gegen die Folgen der Klimakrise bestehen können: Hitze, Kälte, Dürre und andere Extremwetter. 

Geplant wird langfristig. Allein die Entwicklung einer neuen Pflanzensorte dauert etwa zehn Jahre. Hinzu kommen Monate oder Jahre für Zulassungsverfahren, Vermarktung und Verbreitung.

 „Wir erweitern die Artenvielfalt und helfen, sie den Bäuerinnen und Bauern zugänglich zu machen“, verspricht Luis Salazar vom Crop Trust.

Beitrag für das Überleben von Kleinbauern

Gerade Kleinbauern im globalen Süden können sich oft nur die schlechteren und ertragsschwachen Böden leisten und haben meist nicht das Geld, das patentierte Saatgut der Agrarkonzerne zu kaufen. Neue Züchtungen und alte nicht patentierte Sorten können da Existenzen retten. So leisten die Gen- und Saatgut-Banken und der Crop Trust einen Beitrag zur Vielfalt der Landwirtschaft, zur Biodiversität und zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung. 

In ihrer Agenda 2030 haben die Vereinten Nationen 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Welt festgelegt. „Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“, lautet Ziel Nummer zwei.

Gegründet wurde der Crop Trust nach dem „Internationalen Vertrag über pflanzen-genetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft“ (International Treaty on Plant Genetic Resources for Food and Agriculture, kurz Plant Treaty). Darin vereinbarten vor 20 Jahren 143 Länder und die Europäische Union verschiedene Maßnahmen zum Schutz und zum Erhalt der Vielfalt an Pflanzensorten in der Landwirtschaft.

Weltweit rund 1700 Gen- und Saatgutbanken

Die weltweit 1700 staatlichen und privaten Gen- und Saatgutbanken verwahren Muster von insgesamt etwa sieben Millionen genetisch unterschiedlichen Nutzpflanzen, um diese der Nachwelt zu erhalten und sie Züchter*innen, Landwirt*innen und der Wissenschaft zugänglich zu machen. Die wichtigsten sind Getreide, Kartoffeln und Reis: Vor allem in den Gen- und Saatgutbanken Asiens lagern rund 200.000 verschiedene Sorten Reis.  

Wo sich das Saatgut nicht einlagern lässt, bauen sie die Pflanzen an und pflegen sie, sodass immer frische Setzlinge aller Sorten zur Verfügung stehen.

Der Crop Trust vernetzt diese Einrichtungen. Trust-Sprecher Luis Salazar nennt die Arten- und Sortenvielfalt „Fundament unserer Ernährung“.

Eine der größten und sortenreichsten dieser Genbanken betreibt das Leibniz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung IPK in Sachsen-Anhalt. Seine Forschung dient unter anderem  der „verbesserten Anpassungsfähigkeit wichtiger Kulturpflanzen an die sich verändernden Klima- und Umweltbedingungen.“

Die Klimakrise verändert die Umwelt schneller, als sich Tiere und Pflanzen anpassen können. Die Saatgut- und Genbanken werden deshalb immer wichtiger für die Ernährung der Welt.

Das Klima verändert sich schneller als sich die Nutzpflanzen anpassen können

Vor den Folgen der Veränderungen, die wir Menschen auf der Erde verursachen, können uns auch die Saatgutbanken kaum schützen. Niemand weiß, ob das Saatgut nach Jahren oder Jahrzehnten der Einlagerung unter den in Zukunft ganz anderen Klimabedingungen noch gedeiht.

Kritisch sehen viele Nichtregierungsorganisationen die Beteiligung von Agrar-Konzernen wie Syngenta und Pioneer am Crop Trust. Diese verdienen ihr Geld mit gentechnisch verändertem Saatgut und mit Patenten auf Saaten, die die Bäuerinnen und Bauern dann nur noch gegen hohe Lizenzgebühren nutzen können. 

Misereor-Sprecher Markus Wolter lobt dennoch die Initiative der norwegischen Regierung. Diese zeige mit dem Svalbard Seed Vault, welchen Schatz die Menschheit mit dem Saatgut aus aller Welt besitze. 

Schatztruhe für alle 

Im Seed Vault könnten nicht nur Unternehmen, sondern jede und jeder Saatgut kostenlos einlagern. Als Beispiel nennt er die Cherokee, ein Volk der First Nations in den USA. Noch wichtiger sei aber, dass das Saatgut der Menschheit in sito, also auf den Feldern erhalten werde. Denn niemand wisse, ob die eingelagerten Samen nach Jahrzehnten unter dann vielleicht völlig anderen Klimabedingungen noch gedeihen. Bäuerinnen und Bauern bräuchten frei zugängliches, ihren örtlichen Bedingungen angepasstes Saatgut, das sie auf ihren Feldern draußen weiterentwickeln können. Dies werde jedoch angesichts immer strengerer Zulassungsvorschriften für Saatgut immer schwieriger, mahnt etwa Stig Tanzmann, Saatgut-Fachmann der Organisation „Brot für die Welt“. Hinzu kämen internationale Verträge wie das UPOV, das Tausch und Handel auch von nicht patentiertem Saatgut einschränke.

Schuldknechtschaft für patentiertes Saatgut

Außerdem müssen sich immer mehr Bauern nach einem Misereor-Bericht verschulden, um patentiertes Saatgut – meist im Paket mit dem passenden Dünger und Spritzmittel – zu kaufen. Falle die Ernte dann geringer aus, als geplant, könnten die Landwirte die Kredite nicht mehr zurückzahlen. Eine moderne Form der Schuldknechtschaft. 

Stig Tanzmann beobachtet zudem, dass die großen Saatgutkonzerne immer häufiger Gensequenzen aus anderen Pflanzen oder aus eigener Entwicklung in vorhandenes Saatgut einbauen. Damit können sie sich dieses patentieren lassen und für jede Nutzung Lizenzgebühren kassieren.

Für Judith Düesberg von der Nichtregierungsorganisation Gen-Ethischen Netzwerk kommt es auch darauf an, wer bei Bedarf Zugang zu den Saatgutbanken hat. Heute seien diese vor allem Museen, die „wenig für die Ernährungssicherheit bringen.“ Sie nennt Beispiele aus Indien. Dort versuchten Züchter, traditionelle, nicht gentechnisch veränderte Baumwollsorten nachzuzüchten, fänden aber das erforderliche Saatgut dafür nirgends. Ähnlich gehe es Reiszüchtern, die an überschwemmungsresistenten Sorten arbeiten. Auch dies belegt, dass Saatgut vor allem auf den Feldern und im Alltag der Bäuerinnen und Bauern erhalten bleiben muss. Nur im Einsatz auf den Feldern können die Saaten den sich rasant verändernden Klima- und Bodenbedingungen angepasst werden. Und die Landwirte vor Ort wissen am besten, was auf ihren Äckern gedeiht.

Info:

Gen-Ethisches Netzwerk: Kritisches zu Gentechnik und internationalen Saatgut-Unternehmen

MASIPAG: Netzwerk von mehr als 50.000 Bauern und Bäuerinnen auf den Philippinen, die selbst Reis-züchten und das Saatgut untereinander tauschen. So machen sie sich unabhängig von den großen Saatgut-Konzernen

 

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Geschrieben von Robert B. Fishman

freier Autor, Journalist, Reporter (Radio und Printmedien), Fotograf, Workshop-Trainer, Moderator und Reiseleiter

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